Bürokratie-Chaos erschwert die Integration in Essen


Von Stephanie Grimme –

Flüchtlinge sollen sich integrieren, unsere Kultur und Sprache lernen. Von der Politik hört man diese Forderungen immer wieder. In der Praxis ist das allerdings leichter gesagt als getan, sagt der Verein „Werden hilft“ in Essen.

Ein bisschen Small-Talk lernen Syrer, Iraker und andere Flüchtlinge recht schnell. „Guten Tag. Wie geht es Dir?“ – verpackt in einem charmanten Akzent. Aber das reicht nicht aus, um in Deutschland alleine zu wohnen oder hier zu arbeiten. Dafür brauchen die Flüchtlinge mehrmonatige Sprachkurse, Integrationskurse werden sie offiziell genannt. Aber an so einen Kurs zu kommen ist extrem schwer, sagt Ulla Lötzer. Sie ist Vorsitzende des ehrenamtlichen Vereins „Werden hilft“ in Essen. Etwa einhundert Paten betreuen hier Flüchtlinge. Ulla Lötzer kümmert sich um eine syrische Familie. Sie ist seit Oktober letzten Jahres hier und will seitdem einen Integrationskurs besuchen. Eine Sprachschule mit freien Plätzen hatte Ulla Lötzer für sie sogar schon gefunden. „Diese Sprachschule hat dann aber festgestellt, dass noch keine Erlaubnis vom BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorliegt. Diese Erlaubnis wird benötigt, weil das BAMF damit die Kosten übernimmt.“

Monatelanges Warten auf eine Bescheinigung

Zumindest ist das so, solange das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist, was sich aber bei vielen Flüchtlingen über Monate hinzieht. Also wurde aus dem Internet das Antragsformular geladen und ausgefüllt. Sicherheitshalber gleich doppelt. „Sowohl die Sprachschule, wie auch die Flüchtlinge selbst haben ans BAMF geschrieben. Auf die Antwort warten wir heute noch. Das sind jetzt mehr als drei Monate.“ Und das, obwohl es völlig unstrittig ist, dass Flüchtlinge, die aus Syrien, Eritrea oder dem Irak kommen, diesen Integrationskurs machen dürfen. Mittlerweile ist das Asylverfahren der Familie abgeschlossen. Jetzt bräuchte sie diesen Antrag nicht mehr, um sich anzumelden. Aber nun einfach zur Sprachschule und sich anmelden geht auch nicht. Die Sprachschulen wollen eine offizielle Bescheinigung, wer die Kosten übernimmt. Jetzt ist das Job-Center zuständig.

Ein unübersichtliches Ämter-Wirr-Warr

Einen Termin für das Job-Center allerdings hat die Familie erst für August bekommen. Und ganz klar, ob dort die Genehmigung nun erteilt wird, ist es auch noch nicht. Das Job-Center hat manchen Flüchtlingen schon gesagt, dass dafür die Ausländerbehörde zuständig sei. Auch dort hat Ulla Lötzer für ihre syrische Familie schon einen Termin vereinbart – beziehungsweise versucht zu vereinbaren. „Bei dem Ausländeramt hat die Familie vor drei Wochen bereits einen Termin online beantragt. Den Termin haben sie bis heute nicht. Sie haben bis heute keinerlei Reaktion auf die Terminanfrage. Wenn die Anfrage schon so lange dauert, kann man nach aller Erfahrung davon ausgehen, dass man frühestens in drei Monaten einen Termin bekommt.“

Viel zu wenige Sprachkurse

Solche langen Wege bis zum Integrationskurs sind keine Ausnahme, weiß auch Markus Siebert von der Caritas Essen. Die Caritas betreut in Essen rund 3000 Flüchtlinge in Zeltdörfern oder auch in Wohnungen. Siebert hat die Erfahrung, dass nach dem langen Behördengang dann noch einmal viel Zeit vergeht, bis die Flüchtlinge mit dem Sprachkurs beginnen. „Wir haben als Standard derzeit ein halbes Jahr, bis ich im Kurs bin. Ein halbes Jahr und etwas länger. So lange muss man warten. Und das in einer Situation, die sitzen auf dünnen Kohlen, die wollen deutsch lernen und kommen nicht dahin und das ist eine Frustration.“

Keine Arbeit ohne Integrationskurs

Diese Frustration erlebt Ulla Lötzer bei ihrer Flüchtlingsfamilie auch. „Die können nichts anderes machen als Däumchen zu drehen. Und das finde ich die Gefahr. Dass man da junge Männer und junge Frauen, ganze Familien zwingt, zuhause rumzusitzen und Däumchen zu drehen. Weil ohne Integrationskurs hat man keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Ohne Integrationskurs kann man nichts machen.“ Ulla Lötzer macht diese Trägheit der Behörden mittlerweile echt sauer. Sie fürchtet, dass so aus eigentlich hochmotivierten Menschen dauerhafte Hartz-IV-Empfänger herangezogen werden. „Die Familie hat mir gesagt, ‚weißt du, wir wollen ja gar nichts von Euch. Wir wollen die Möglichkeit zu studieren, die Ausbildung fertig zu machen. Wir wollen die Möglichkeit zu arbeiten und selber unser Geld zu verdienen.‘ So aber gewöhnt man die Leute daran zuhause zu bleiben. Man macht sie ständig zu Bittstellern, statt ihnen die Möglichkeit zur Integration zu geben.

Stand: 12.07.2016, 09:00

aus „wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet“ => Original Artikel

——————————-

!!! letze Meldung: !!!

ab sofort erhalten beiden Gruppen, Flüchtlinge mit Asyl und subsidärem Schutz, vom Jobcenter den Berechtigungsschein ;   das ist das Ergebnis des Gespräches mit Ulla Lötzer und dem Büro des Sozialdezernenten der Stadt Essen

Ulla Lötzer schrieb:

Berechtigungsschein zum Integrationskurs auch bei subsidärem Schutz vom Jobcenter!!

Viele von uns, vor allem unter den Flüchtlingen, sind fast verzweifelt. Während alle von „Pflicht zur Integration“ vor allem über das Erlernen der Sprache reden, ist es für viele Flüchtlinge fast ein Ding der Unmöglichkeit einen Integrationskurs machen zu können und damit die Sprache zu lernen und die Voraussetzungen für Ausbildung und berufliche Tätigkeiten zu bekommen.

Ist das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen, muss das BAMF schriftlich die Kostenübernahme erklären. Auf diese Erklärung wartet man Monat für Monat ohne Ergebnis.

Nach Abschluss des Verfahrens mit vollem Asylrecht ist es kein Problem, weil das Jobcenter den Berechtigungsschein vergibt.

Flüchtlinge mit subsidärem Schutz sind im Zugang zum Arbeitsmarkt gleichgestellt. Sie erhalten eine Information über ihre Rechte und Pflichten, in der das Recht auf einen Integrationskurs festgeschrieben ist. Trotzdem haben sie bisher keinen Berechtigungsschein vom Jobcenter erhalten.

Sie wurden ans Ausländeramt verwiesen. Da wartet man schon auf eine Terminvergabe Wochen, auf den Termin Monate. Integration wurde so auf den St. Nimmerleinstag verschoben

Dieses Problem ist mit heutigem Datum gelöst.

Das ist das erfreuliche Ergebnis meines Gesprächs mit dem Büro des Sozialdezernenten. Von dort aus wurde mit dem Ausländeramt vereinbart, dass ab sofort für beide Gruppen, Flüchtlinge mit Asyl und subsidärem Schutz, vom Jobcenter den Berechtigungsschein erhalten.

Sollte es dabei Probleme geben, bitte eine email, möglichst mit Angaben zum Flüchtling und Sachbearbeiter im Jobcenter an mich unter: werdenhilft@gmail.com

Ulla Lötzer

Print Friendly, PDF & Email